Prinzipiensache.

Wir hatten auf dem ersten Flyer für den Stammtisch stehen: „Wieso funktioniert Wikipedia?“. Irgendwann sprach mich eine Teilnehmerin vom Feministischen Stammtisch darauf an, wie wir denn behaupten könnten, die Wikipedia „funktioniere“? Diese sei durch und durch sexistisch, wenn das Commoning sei, wolle sie damit nichts zu tun haben. Mir war damals die Problematik noch nicht bewusst, und ich habe mich daraufhin ein bisschen eingelesen. Ich musste ihr Recht geben.

Gleicher Schauplatz, anderes Beispiel. Bei Kleinerdrei erschien heute der Artikel Ihr Name ist Chelsea. Die Autorin kritisiert den Umgang der Wikipedia-Autoren mit Chelsea Mannings Transidentität. Sie bezieht sich darin auf Sue Gardner, Executive Director der Wikipedia:

[Diese] sieht durch die Strukturen der Wikipedia, deren Editor_innen in der Mehrzahl männlich, weiß, heterosexuell und cis seien, einen blinden Fleck bei Gender-Themen, der – ganz entgegen der üblichen Vorgehensweisen und Ansichten in Wikipedia-Entscheidungen und Diskussionen – dazu führt, dass etwa bei der Manning-Diskussion nach einen diffusen Gefühl (s.o. “Esoterik”, “Pseudowissenschaft”) und nicht nach existierender Expertise über Transgeschlechtlichkeit entschieden würde. […]
Doch würde ich heute sagen “Ich gehe jetzt da rein und ändere Chelsea Mannings Artikel!” hätte dies keinen Effekt – meine Änderungen würden als die eines “Newbie” ohnehin bei einer Überprüfung mit hoher Wahrscheinlichkeit abgelehnt. Was ein sinnvolles System ist, um etwa zu verhindern, dass Artikel beschönigt und Kritisches gelöscht wird, führt bei unausgewogenen Strukturen zum Stillstand, es wird undurchlässig für Neue und Neues.[…]
Die Regeln sagen, ihr müsst weiterhin Bradley Manning schreiben? Dann sind die Regeln vielleicht einfach falsch. Dann müssen sie geändert werden.

„Regeln“, „Strukturen“, „System“ – meine Bekannte lag richtig: Hier geht es wirklich nicht nur um den Umgang mit Trans*, hier geht es vor allem auch um Commoning. Und wie damals, als sie mich auf die Sexismusproblematik der Wikipedia hinwies, beschleicht mich ein unangenehmes Gefühl. Wenn sich die Commoners selbst ihre Regeln geben, wenn sie selbst bestimmen wer Teil des Commons ist und wer nicht, dann kann das auch zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit führen. Oder? Können wir sicherstellen, dass Menschen respektvoll miteinander umgehen, dass Commoning zu einem Guten Leben für alle führt, dass Commons nicht vor allem ausgrenzen, sondern einschließen? Können wir Werte mit Commons verknüpfen?

Ich habe meine Frage in die diesjährige Sommerschule mitgenommen. Daraus entspann sich eine sehr interessante Diskussion, nachzuvollziehen auf dem Wiki der Sommerschule, deren Ergebnis war, dass es überhaupt nicht zielführend ist, über Werte zu sprechen! Denn Werte können verschieden ausgelegt werden, sie werden von der Gesellschaft, von Individuen, Parteien oder anderen Kräften mit Inhalt gefüllt. Festgemacht haben wir das am Beispiel Verteilungsgerechtigkeit. Das ist ein Wert, der in den Commonsdebatten häufig auftaucht. Gemeint ist damit meistens: Bedürfnisorientierung, ich nehme so viel wie ich brauche. Verteilungsgerechtigkeit taucht aber auch in der Marktwirtschaft auf, und meint meistens: Äquivalententausch, ich bekomme so viel wie ich gegeben habe.
Also sind es gar nicht die Werte, sondern die Prinzipien die dahinter stecken, die mir Sorgen bereiten? Zitat aus unserer Diskussion:

These: Vielleicht sorgen die Prinzipien erst im zweiten Schritte für (normativ gute) Werte. Sie entwickeln sich es erst mit der Zeit.
Beispiel: Es folgt nicht zwingend Nachhaltigkeit aus den Commons-Regeln. Aber die Prinzipien/Muster können Nachhaltigkeit im zweiten Schritt ermöglichen. […]
These2: Werte sind aus Prinzipien erzeugte Maßstäbe, nach denen wir messen / beurteilen können, ob wir ein Gutes Leben haben.

Hui, das war für mich ein ziemlicher Aha-Moment. Aus dem sich allerdings viele weitere Fragen ergeben.
Was sind die Prinzipien die ein Gutes Leben für alle ermöglichen? Das muss doch noch über Elinor Ostroms Designprinzipien hinausgehen! Reden wir über sowas wie das Ubuntu-Prinzip? Welche anderen Prinzipien gehören dazu? Wenn die Kleinerdrei-Autorin schreibt „Dann sind die Regeln vielleicht einfach falsch. Dann müssen sie geändert werden.“, frage ich mich, wie Prinzipien und Regeln zusammenhängen. Sind Regeln das, was für die Anwendung von Prinzipien sorgt?

Wenn das stimmt, dann muss in der Wikipedia erstmal eine grundsätzliche Debatte darüber geführt werden, nach welchem Prinzip dort Artikel verfasst und Diskussionen geführt werden sollen. Denn einfach nur die Regeln ändern – das bringt doch nichts… oder doch? Können Menschen durch die Anwendung von Regeln solche Prinzipien erlernen?

Also da habe ich noch eine Menge Gesprächsbedarf. Vielleicht wäre das ja auch mal ein Thema für den nächsten Stammtisch?

Gärten und Gemüse – Sonntagsradeln rund um Darmstadt!

Jedes Commons ist einzigartig.
Das ist einer der Gründe, weshalb es so viel Spaß macht, Projekte zu besuchen! Welche Regeln wurden getroffen, wie funktionieren selbsterklärende Zeichensysteme, welche kreative Lösungen wurden für ein Problem gefunden? Wie werden die Ressourcen sozial- und umweltbereichernd genutzt? Welche Atmosphäre hat das Projekt, und daraus abgeleitet: Was brauche ich um mich wohl zu fühlen? Und: Welche Projekte gibt es in meiner Umgebung, die ich noch gar nicht kannte, oder von denen ich mal gehört habe, die ich aber noch nie kennenlernen konnte?

Diesen Sonntag: Mitfahren!
Wir möchten euch einladen, ein paar Projekte in und um Darmstadt kennenzulernen! Los geht’s in Mainz mit dem Zug, und ab Darmstadt dann mit unseren Rädern. Wir werden ungefähr fünf Stationen rund um das Thema Landwirtschaft und Gärtnern besuchen, u.a. verschiedene Projekte der Solidarischen Landwirtschaft, mehrere Gemeinschaftsgärten und einige andere Projekte. Der zeitliche Rahmen umfasst ca. 6-8 Stunden.

Ja wir wollen mitcommon!
Wer gerne dabei sein möchte, möge sich doch bitte bis spätestens Freitag Abend verbindlich unter commons.stammtisch(ät)yahoo.de anmelden. Wir schreiben euch dann mit allen Details zurück.
Verbindlich deshalb, weil wir als die Organisierenden und auch die Menschen, die sich für uns Zeit nehmen werden, einschätzen möchten, wie groß die Gruppe sein wird.

Wir freuen uns schon sehr auf diesen Tag, an dem wir alle viele interessierte Menschen und spannende Projekte kennenlernen können!

Club Voltaire muss leben!

Der Club Voltaire, die alt-ehrwürdige Institution in Frankfurt, soll in seinem 51. Lebensjahr von der Stadt Frankfurt die Zuschüsse in der Höhe von 7000€ gestrichen bekommen. Das ist einerseits nicht viel Geld, sicher wird es aber auf das Angebotsspektrum des Clubs und für viele Menschen die dort hinkommen um zu arbeiten, sich zu informieren, zu feiern oder sich zu organisieren, ziemliche Auswirkungen haben. Die Stellungnahme des Clubs findet ihr hier.

Was hat das mit Commons zu tun?
Nun, einmal ganz konkret inhaltlich: Am 29.11.2012 hielt Silke Helfrich im randvollgestopften Voltaire einen Vortrag über Commons. Ich war ziemlich überrascht, aber auch sehr begeistert, dass offenbar so ein großes Interesse an dem Thema bestand! An diesem Abend fanden auch die Teilnehmer_innen des Commons-Tutoriums in Darmstadt zueinander, an welches wiederum dann unser Stammtisch anschloss.
Aber neben dieser ganz konkreten Veranstaltung und den Kreisen die sie zumindest aus unserer Sicht gezogen hat, ist das Voltaire einfach ein Ort, an dem Commoning stattfinden kann! Gruppen wie zB. die Cryptoparties, die euch digitale Selbstverteidigung und Datensicherheit beibringen, und andere, können sich in den Räumlichkeiten für einen sehr kleinen Aufwand treffen. Wenn wir mal was in Frankfurt organisieren sollten, wäre das Voltaire auch für uns eine erste Anlaufstelle! Die Veranstaltungen sind in der Regel auf Spendenbasis, für 1-Euro-Jobber gibt es auch einen solidarischen 1-Euro-Eintrittspreis. Das Spektrum der Events ist sehr breit, von politisch bis kulturell. Ich mag besonders das Wirtshaussingen, wo Menschen aller Altersgruppen zusammen singen und schmettern :)

Bitte folgt also dem Aufruf des Voltaires, macht Druck, sammelt Unterschriften (Link zum pdf), erzählt es weiter! Der Club Voltaire muss weiter unterstützt werden!!

Mittwoch Stammtisch und dann Sommerpause!

Bechstedt

So liebe Commonen und Commons-Interessierte, morgen findet noch einmal unser schöner Stammtisch statt! Wir treffen uns um 19Uhr im Kreativa in Mainz und freuen uns, wenn ihr dazustoßt!

Danach schicken wir den Stammtisch und uns selbst in die Sommerpause. Es wird eventuell eine Sonderveranstaltung zwischendurch geben, vielleicht sogar in Frankfurt, das steht aber noch nicht fest. Aber wenn, dann werdet ihr hier natürlich alle Infos dazu finden, also schaut zwischendurch mal hier rein! Weiter gehts dann voraussichtlich Ende September. Die Zwischenzeit wird sicherlich gefüllt sein mit einigen sehr spannenden, bereichernden Commonsprojekten und -ideen!

Den Start macht die Commons-Sommerschule, die am Samstag in die zweite Runde geht! Ich werde wieder dabei sein und hier bestimmt ein paar Impulse mit euch teilen. Ein anderes tolles Ding ist das selbstorganisierte, familienfreundliche Libertad Festival auf dem Gelände des Mietshäusersyndikatsprojekts Schloss Gersdorf bei Dresden. Wir waren schon dort und es ist wun-der-schön, also überlegt euch, ob ihr nicht vorbeischauen möchtet! Ein weiteres Reiseziel für mich wird vermutlich der Aktivhof Schlehdorf sein, über den in einer der letzten Oyas berichtet wurde. Und unterwegs wird man uns bestimmt auf einem Teilabschnitt der Tour de Natur finden :)

Ihr seht, es gibt viel zu sehen, zu lernen und zu teilen! Die Sommerpause wird alles andere als langweilig und Commons-los sein, und darauf freue ich mich schon! Vor allem freue ich mich aber dann auch darauf, dass wieder der Stammtisch stattfindet und auf den Austausch mit euch. Ich bin gespannt, was ihr von euren Reisen und Projekten erzählen werdet!
Bis morgen, bis dahin!

Filmtipp: Die Strategie der krummen Gurken

Letzten Sommer hatte ich die Gelegenheit, die Solidarische Landwirtschaft „Garten-Coop“ in Tunsel bei Freiburg besuchen zu können und zwei Tage lang mitzuhelfen. Ich bin heute noch beeindruckt von dem Projekt und der Tiefe, in der hier geplant wurde. So gibt es zum Beispiel in den Farben der Coop angesprühte Fahrräder, die an der Bahnstation Tunsel auf die aus Freiburg anreisenden Mitglieder warten. Diese können mit dem Zahlencode die Räder für den Weg zum Hof und zurück nutzen. Auch dass die Gemüsekisten in Freiburg mit Lastenrädern zu den Verteilpunkten gebracht werden, finde ich großartig. Und von den unglaublich leckeren Tomaten und Melonen will ich gar nicht erst anfangen ;) Natürlich entstehen auch Konflikte und Schwierigkeiten, was die Organisation der Kooperative und das Verhältnis von Hof, Mitgliedern und Anbauteam angeht, aber das ist eben das Drama der Commons – nicht die Tragödie.

Jedenfalls gibt es einen schönen Film über die GartenCoop. Ich hab ihn gerade angeschaut, das kann man hier tun. Auf der Seite kann er auch käuflich erworben werden.

It’s the Commons! Ein Lied, das man öfter mal singen sollte.

The Commons, a song by David Rovics

First you told us only through you could we know God
And if we dared to question, then He wouldn‘t spare the rod
For you we worked the soil, for you we dug the moors
For you we shed our blood and fought so many pointless wars
And now you build your fences and you say there’s nothing we can do
You say the world around us belongs fairly to the few
But about six billion people, no doubt will agree
This world is our home, not your property

It’s the commons, our right of birth
And you who would enclose the land all around the Earth
Our future is your downfall, when we cut this ball and chain
You who‘d sacrifice the public good for your private gain

With our sweat we built the railroads, built cities on these shores
But because you own the money, you say that it’s all yours
We laid the phone lines and the pipelines and then right before our eyes
You say the things our taxes paid for you now will privatize
Privatize the hospitals, privatize the schools
Privatize the prisons for all those who break your rules
And preparing for the day, when all the wells run dry
You say you own the very rain that falls down from the sky

But it’s the commons, our right of birth
And you who‘d own the water all around the Earth
Our future is your downfall, when we cut this ball and chain
You who‘d sacrifice the public good for your private gain

You claim to own the harvest with your terminator seeds
You claim to own the genomes of every animal that breeds
You claim to own our culture and the music that we play
And with each song that we download to your coffers we must pay
You would even own my name and you say it’s for the best
Maybe you‘ll let us on your radio if our songs can pass your test
You own country, you own western, you say you‘ve given us a choice
You may own the airwaves but you‘ll never own my voice

It’s the commons, our right of birth
And you who‘d own the music all around the Earth
Our future is your downfall, when we cut this ball and chain
You who‘d sacrifice the public good for your private gain

David Rovic’s website

ECC Berlin und Vortrag in Mainz heute Abend

Für Kurzentschlossene gibt es heute Abend die Möglichkeit, eine Einführung in Commoning zu bekommen! Um 19Uhr wird Georg im Kreativa einen Vortrag zum Thema halten, danach ist Zeit für Diskussionen und Fragen.

Ich kann leider nicht dabei sein, denn ich bin in die Economics and the Commons Conference eingespannt, die gerade in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin gestartet ist. Gestern gab es schon ein paar Side Events, und seit einer Stunde ist die Konferenz offiziell eröffnet! Donnerstag und Freitag werden viele Diskussionen, Vorträge und Events gleichzeitig stattfinden. Einige davon werden live gestreamt, und ihr könnt sie euch hier ansehen!

Praxis!

Ich finds ja immer toll, wenn man einen Abend lang über alles mögliche quatscht, halb die Zeit vergisst, und dann rückblickend feststellt, die Füße überm Rhein baumeln lassend, dass es einen roten Faden gab, der die Gespräche durchzogen hat. Am vergangenen Mittwoch war in unserer kleinen Gruppe dieser rote Faden die Projekte, die wir kennen oder von denen wir ein Teil sind.
In nicht allen diesen Projekte wird Commoning betrieben – oft hört man ja auch von einem neuen, spannend klingenden Projekt, und muss sich dann erstmal vor Ort mit den Menschen auseinandersetzen, und herausfinden, wie dort Regeln getroffen, Ideen umgesetzt und Gemeinschaffen organisiert wird. Denn nicht eine Rechtsform oder eine Projektart bestimmen, ob wir ein Commons vor uns haben, sondern die Art und Weise, wie die Menschen mit der Ressource und miteinander umgehen. Nicht jeder Gemeinschaftsgarten ist automatisch gemeinschaftlich und nicht jede GmbH ein gewinnorientiertes Unternehmen.
Hier eine unvollständige Liste der Projekte, die am Mittwoch Gesprächsthema waren. Vielleicht geben sie euch ja ein paar Anregungen :) Viel Spaß beim Stöbern!
Unperfekthaus Essen
Gemeinschaftsgarten Feine Krume Mainz
Transition Town Frankfurt
Erfahrungsfeld Schloss Freudenberg Wiesbaden