Archiv für Dezember 2013

Gärten und Gemüse – Bericht von der Radtour

Jetzt ist die Zeit, wo mein Garten manchmal einen etwas traurigen Eindruck macht und ich jeden Sonnenstrahl aufsauge – wer weiß, wann das nächste Mal richtig Sonne ist. Die perfekte Zeit also, um an unsere Tagesradtour in und um Darmstadts gemeinschaftlichen Gemüseproduktionsstätten zu erinnern. Spät kommt er, aber er kommt noch! Hier also der Bericht:

In Erwartung eines regnerischen Tages hat sich eine Gruppe von acht Menschen Anfang September in Darmstadt Kranichstein zusammengefunden, um dort unsere kleine Tour zu starten. Wir haben Glück – es nieselt nur zu Beginn ein ganz kleines bisschen, ansonsten bleiben wir weitestgehend trocken! Vier Stationen stehen auf dem Plan: Der Permakulturgarten und die Interkulturellen Gärten in Kranichstein, der Gemeinschaftsgarten am Wagenplatz Klabauta und das Depot der SoLaWi Darmstadt.

Den Permakulturgarten könnte man auch schnell als verwilderte Brachfläche abstempeln und daran vorbeiradeln, denn auf den ersten Blick entspricht das weitläufige Gelände kaum der Vorstellung eines „Gartens“. Aber der Permakulturgarten ist aus verschiedenen Gründen ein besonderer Ort. Das beginnt schon mit dem Zugang, denn der Permakulturgarten kommt – als städtische Auflage – ohne Zaun aus. Jede_r kann sich diesen Ort aneignen, und diese Möglichkeit wird durchaus genutzt. Berenike und ihre Mitgärtner_Innen, die uns herumführen, erzählen von einem alten Herrn, der in Russland aufwuchs und beherzt und routiniert zur Sense griff, als er sah, dass Unterstützung beim Mähen gebraucht wurde. Familien kommen und ernten das Obst, das im Sommer und Herbst an den Bäumen hängt, oder picknicken unter ihren Schatten spendenden Kronen. Jugendliche aus der Umgebung nutzen die Feuerstelle, und die Wildschweine statten dem Garten regelmäßige Besuche ab – nicht immer zum augenscheinlichen Wohl des Gartens. Auch die Pflanzen selbst lassen sich nur eingeschränkt Vorschriften machen. So stehen hier Sträucher an Stellen, an denen sie nicht vorgesehen waren, an die sie sich aber selbst verpflanzt haben, nachdem sie anderswo traurig vor sich hin vegetierten, und „Unkräuter“ sind gern gesehene Gäste zum Anreichern von Salaten.
Was für kontrollverliebte Menschen wie der absolute Horror klingt, ist für die Gruppe rund um den Permakulturgarten eine Möglichkeit, permakulturelle Prinzipien zu üben: Dazu gehört unter anderem zu Beobachten, den Gestaltungsprozess für alle Betroffenen zu öffnen, Vielfalt wertzuschätzen, Selbstregulation in Systemen zu fördern, und zu versuchen allem Lebendigen zu ermöglichen, sich hier zu entfalten. Dieses Übertragen von permakulturellen Prinzipien auf das soziale Gefüge des sehr heterogenen Nutzer_innen-Kreises des Gartens finde ich sehr erfrischend und bereichernd!
Im permakulturellen Garten

Im Permakulturgarten stoßen schon zwei Menschen aus den Interkulturellen Gärten zu unserem Grüppchen dazu. Sie begleiten uns zu unserer nächsten Station. Über Üli entstand der Kontakt, sie führt uns nun mit ihren Mitgärtnerinnen herum. Die Interkulturellen Gärten setzen sich aus 16 Parzellen, einer Gemeinschaftsparzelle und einer großen Rasenfläche zusammen. Bewirtschaftet werden sie von Menschen mit Wurzeln in Afghanistan, Somalia, Algerien, Marokko, Jordanien, Palästina, Irak, Kasachstan, Weißrussland, Ukraine, Chile, Schweiz und Deutschland – die Regel lautet, dass nicht mehr als zwei Parzellen einem Herkunftsland zugeordnet sein dürfen, damit die Interkulturalität gewahrt wird. Es gibt zwei Bauwägen für Geräte und Möbel, einen großen überdachten Tisch für gemeinsame Feste und Picknicks und seit Kurzem auch einen Wasseranschluss. Wir werden durch die Parzellen geführt, in denen Sonnenblumen und Gemüse vor sich hin wuchern. Je nach gärtnernden Menschen geschieht das in geordneten Strukturen oder eher wild und eigensinnig. Ein paar Flächen gehören zum „Kleeblatt“, den Gemeinschaftsgärten der SoLaWi und der Transition Town Initiative Darmstadt. Anschließend kommen wir in der Sitzgruppe zusammen, naschen von den frisch geernteten Tomaten und diskutieren über das Für und Wider von Gemeinschaftlichkeit in solchen Gärten. Denn da gibt es nicht nur Positives zu berichten – die klassischen Fragen „Wer fühlt sich verantwortlich, wer übernimmt Dienste für andere und warum bringen sich manche Menschen nur sehr wenig ein?“ sind auch hier ein Thema und führen manchmal zu Unmut unter denen, die das Gefühl haben mehr zu machen als andere. Eine stärkere Trennung in individuelle Nutzungsflächen wird da verlangt. Was denn daran dann noch gemeinschaftlich sei, und ob das die einzige Lösung sein kann, lautet unsere Gegenfrage.
Interkulturelle GärtenInterkulturelle Gärten

Nach solch intensiven Diskussionen, und vielen Impressionen aus zwei Gärten sind wir zeitlich ein bisschen in Verzug und ganz schön hungrig! Schnell gehts weiter zum Wagenplatz Klabauta, wo wir uns in die gemütlichen Sofas kuscheln und erstmal ein großes Buffet auftischen. Frisches Gemüse, vielfältige Aufstriche, Oliven, Brote und süße Backwaren, ein paar Salate. Omnomnom!
Mhhh lecker!Mehr Futter!

So gut gestärkt können wir uns mit neuer Energie dem nächsten Gemeinschaftsgarten widmen. Reinhold, der ihn ins Leben gerufen hat und maßgeblich betreut, erwartet uns schon. Er hat eine Freie Ausbildung zum demeter-Gärtner gemacht und bewirtschaftet nach diesen Prinzipien die große Fläche. Diese liegt direkt am Wagenplatz und gehörte einem älteren Ehepaar. Jetzt bauen hier 15 Menschen mit unterschiedlich viel Vorkenntnissen und unterschiedlich viel Zeiteinsatz gemeinschaftlich Gemüse an. Denen, die mit ihm hier gärtnern, möchte Reinhold gerne viel von seinem Wissen mitgeben. Es scheint ein ertragreicher Sommer gewesen zu sein, auf einer Plane stapeln sich Berge von Hokkaido-Kürbissen und riesenhafte Zucchinis. Auf den Hügelbeeten wachsen Lauch, Bohnen, rote Beete und vieles mehr, in hinteren Teil des Areals steht eine Bienenweide. Reinhold erzählt uns auch von seinem nächsten Projekt, das schon in den Startlöchern steht: Auf dem Lindenhof in Ober-Ramstadt soll eine CSA (Community Supported Agriculture) entstehen. (Warum manche den englischen Begriff nutzen und manche das deutsche SoLaWi (Solidarische Landwirtschaft) verstehe ich noch nicht ganz, manchmal werden die Bezeichnungen synonym verwendet, manchmal scheint es einen Unterschied im Verständnis zu geben.) Bald soll es losgehen und es gibt viele Pläne und Ideen. Bei Reinholds Energie wage ich nicht zu zweifeln, ob er sie auch alle umsetzen kann. Das Gemüse würde er auch nach Frankfurt liefern. Da bin ich etwas skeptisch, andererseits gibt es im Moment in Frankfurt kaum eine Alternative. Ich bin jedenfalls gespannt, wie es mit dem Projekt weitergeht!
Im Gemeinschaftsgarten Gemüsekisten auf Klabauta

Leicht verspätet schwingen wir uns auf unsere Räder und radeln in die Darmstädter Innenstadt, vorbei am Blaskapellenumzug der Kerb, durch die Gassen des Martinsviertels rüber zur Verteilstation der Darmstädter Solidarischen Landwirtschaft, wo wir unsere Tour abschließen werden. Hier in einem ungeheizten Seitenraum des Hoffart-Theaters ist zwar kein Platz für Vollversammlungen aller 40 Mitglieder. Dafür findet das jeden Dienstag von Bauer Arno angelieferte Gemüse hier genug Platz und bleibt frisch, bis es von den SoLaWilern meist per Fahrrad selbstorganisiert abgeholt wird. Heute ist der Raum aufgeräumt und leer, das Gemüse wurde von den Mitgliedern bereits abgeholt, dienstags kommt die nächste Lieferung. Von der Initiatorin Ev Bischof bekommen wir eine kleine Einführung in die Organisation der örtlichen SoLaWi-Gruppe, die sich mit dem Birkenhof in Egelsbach zusammengetan hat. Zwar wird dieser Hof nicht im strikten Sinne biologisch bewirtschaftet, für die Beteiligten bietet er aber eine Reihe von Vorteilen: Echte Regionalität statt Bio aus Neuseeland oder Pseudoregionalität aus dem Supermarkt, persönlicher Kontakt zum Erzeuger, ein vielfältiger Hof statt Marktspezialisierung, etc. Die Gemüsevielfalt wird im Depot gefeiert: An den Wänden der Verteilstation hängen große Fotos vom Hof und von lustig gewachsenem Gemüse, das man in einem Supermarkt so nie finden würde. Es gibt ein paar Infos zum Depot-Dienst, den die Mitglieder übernehmen, und eine Tauschkiste für Gemüse, das man nicht mag oder nicht braucht, und das man anderen zur Verfügung stellen möchte. Für solche Hinweise und Lösungen interessiere ich mich immer ganz besonders, denn häufig entwickeln die Gruppen tolle Ideen, die ihren Bedürfnissen entsprechen.
Verteilpunkt der SoLaWi DarmstadtKiste

Danach waren wir alle angenehm angefüllt von den Eindrücken, den vielen vielen Infos, den Diskussionen und dem Herumgeradel in und um Darmstadt. Ein Teil der Gruppe hat den Tag noch mit einem Tee bei einer der TeilnehmerInnen ausklingen lassen. Insgesamt war die Aktion für mich eine tolle runde Sache, vor allem auch dafür, dass sie so spontan organisiert wurde. Ich hoffe, dass wir das bald wiederholen können, Projekte gibt es genug, und eine solche Radtour regt dazu an, die eigene Umgebung näher kennenzulernen und Projekte, die man nicht kannte, zu entdecken, sich zu vernetzen und sich gegebenenfalls selbst einzubringen.
An dieser Stelle möchte ich nochmal allen Menschen sehr herzlich danken, die sich die Zeit genommen haben, uns ihre Projekte vorzustellen, unsere vielen Fragen zu beantworten und uns an den schönen und den schwierigen Seiten ihrer Gärten teilhaben zu lassen! :) Es war toll bei euch!

PS: Ich hoffe, dass ich solche Lösungen, Mechanismen und „Stigs“ (siehe Stigmergie auf keimform.de), wie wir sie im Depot der SoLaWi und anderswo auf der Radtour gesehen haben, in Zukunft vermehrt sammeln werden kann. Angefangen habe ich damit bereits auf Commonopolis.de. Wenn ihr auch ein Foto, Video oder Text zu praktischer Selbstorganisation beitragen möchtet, dann meldet euch dort an, oder schickt mir diese gerne, und ich trage sie dann ein.